Rothenburgs rätselhafte Jungfrau

„Es war im Jahr 1883 …

… Meine Frau Emilia und ich hatten uns vorgenommen, uns mit der Hochzeitsreise den Traum eines jeden Engländers zu erfüllen. Wir wollten das romantische Deutschland bereisen und gedachten nun, dem idyllischen hessischen Städtchen Frankfurt am Main einen Besuch abzustatten …“

Romantische Flitterwochen gönnt der Autor Bram Stoker in seiner Gruselgeschichte „The Squaw“ dem frisch gebackenen Ehepaar George und Emilia Price aus Wales freilich nicht. Bereits auf der nächsten Station ihrer Hochzeitsreise, in Nürnberg, überschlagen sich die Ereignisse. Die Besichtigung der Nürnberger Kaiserburg und der dortigen Folterkeller-Ausstellung mündet in einem grauenvoll-blutigen Fiasko. In dessen Zentrum: eine Eiserne Jungfrau!

 

Eiserne Jungfrau von Nürnberg im Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T.
Eiserne Jungfrau von Nürnberg im Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T.

 

Der Mythos

Wenige Rechtsaltertümer bewegen die Phantasie der Menschen bis heute so wie die Eiserne Jungfrau. An der Innenseite mit vielen Spitzen versehen, sollen sie im finsteren Mittelalter ihre grauenvolle Wirkung beim Schließen des hölzern/metallenen Mantels entfaltet haben. Mit dem Ende des 18. Jhs. mehren sich Berichte über Eiserne Jungfrauen. Literatur und Zeitungen nehmen sich ihrer an. Museen zeigen ab Mitte des 19. Jhs. erst kürzlich wiederentdeckte Eiserne Jungfrauen in großen Ausstellungen. Eine Legende entsteht…

Zeichnung der Nürnberger Folterkellerausstellung aus dem 19. Jh. - im Hintergrund die Eiserne Jungfrau
Zeichnung der Nürnberger Folterkellerausstellung aus dem 19. Jh. – im Hintergrund eine Eiserne Jungfrau

Doch waren unsere Vorfahren im Mittelalter und der Frühen Neuzeit tatsächlich so grausam? Haben Sie wirklich eine solch perfide Folter- und Hinrichtungsmaschine ersonnen? Eine große Holzfigur, die Angeklagte oder zum Tode Verurteilte in sich aufnahm und beim Schließen der Türen mit metallenen Dornen durchbohrte? Was meinen Sie?

Vier metallene Spitzen, die ursprünglich an der Innenseite der Eisernen Jungfrau angebracht waren
Vier metallene Spitzen, die ursprünglich an der Innenseite der Eisernen Jungfrau angebracht waren

 

Die Wirklichkeit

Lassen Sie uns einen Blick in die Geschichte werfen. Wäre die Eiserne Jungfrau ein Folterinstrument gewesen, müsste es dafür schriftliche Belege geben. Die Folter war seinerzeit ein „Beweisgewinnungsverfahren“ mit dem Ziel eines Geständnisses. Von Gesetzes wegen musste jede Tortur protokolliert werden. Und so finden wir in Archiven unzählige überlieferte Folterprotokolle … allerdings … bislang noch kein einziges, das eine Tortur mit der Eisernen Jungfrau belegt.

Schriftliches Folterprotokoll, ausgestellt im Mittelalterlichen Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T.
Schriftliches Folterprotokoll, ausgestellt im Mittelalterlichen Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T.

War die Eiserne Jungfrau dann doch eher ein Hinrichtungsgegenstand? Das Strafrecht der frühen Neuzeit sah ja einen ganzen Kanon äußerst grausamer und schmerzhafter Hinrichtungsarten vor. Allerdings müsste es auch dafür schriftliche Belege geben, etwa ein Todesurteil. Darüber hinaus wurden besonders grausame Vollstreckungen seinerzeit oft in Bildern und Flugschriften abgebildet. Gleichwohl ist bislang weder eine Todesurteil noch eine zeitgenössische bildliche Darstellung ausfindig gemacht worden.

Todesurteil mit gebrochenem Stab, ausgestellt im Mittelalterlichen Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T.
Todesurteil mit gebrochenem Stab, ausgestellt im Mittelalterlichen Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T.

 

Die Eiserne Jungfrau im Kriminalmuseum

So lässt sich eine Klärung wohl nur herbeiführen über das Exponat selbst. Wo kam es ursprünglich her? Wie alt ist es? Finden sich Anzeichen für eine entsprechende Verwendung? Die Geschichte der Eisernen Jungfrau von Nürnberg lässt sich bis in die Mitte des 19. Jh. nach Nürnberg zurückverfolgen. Dort taucht sie erstmals auf als Hauptexponat einer großen Folterausstellung. Ihre Geschichte davor liegt im Dunkel.

Das Kriminalmuseum hatte kurz nach dem Erwerb der Eisernen Jungfrau in den 1960er Jahren diese untersuchen lassen und Erstaunliches aufgedeckt. Danach ist der Mantel auf das 15./16. Jh. zu datieren (vermutlich aus Böhmen) und wurde als Ehrenstrafvollzugsgerät verwendet, als Schandmantel. Die metallenen Dornen hingegen waren nachträglich angebrachte französische Tüllenbajonette aus den Befreiungskriegen (1813-1815). So spricht derzeit alles dafür, dass die Eiserne Jungfrau von Nürnberg gar kein Folter- oder Hinrichtungsgegenstand war, sondern „nur“ ein Schandmantel. Dieser wurde im 19. Jh. mit metallenen Spitzen bestückt und das Exponat damit verfälscht, um ein schauderhaftes Exponat für zahlende Gäste vorweisen zu können.

Tragbarer Schandmantel in Form einer Trinkertonne, Abbildung aus dem 19. Jh.
Tragbarer Schandmantel in Form einer Trinkertonne, Abbildung aus dem 19. Jh.

Spannende Sonderschau zu „Mythos und Wirklichkeit“

Anlässlich des Rothenburger Märchenzaubers 2014 widmet sich das Kriminalmuseum der weltbekannten Jungfrau mit einem neugestalteten Teilbereich seiner Präsenzausstellung. Neben der tatsächlichen Geschichte beleuchten wir auch den „Mythos Eiserne Jungfrau“ und zeigen beispielsweise interessante Merchandising-Artikel des 19. und frühen 20. Jhs. wie Klapppostkarten oder Stifthalter in Form der Eisernen Jungfrau. Zwei bedruckte Großwände vermitteln einen Eindruck des früheren Standorts des Exponats – die Nürnberger Folterkammer-Ausstellung. Parallel dazu können Sie über eine aufwendige Audioinstallation mit parametrischem Ultraschall-Lautsprecher einem Hörspiel-Ausschnitt aus Bram Stokers Bestseller zur „Iron Maiden“ lauschen. Für ausländische Gäste halten QR-Codes die Kurzgeschichte auf Englisch vor.

Eine Neuauflage des vom Gruselfaktor getragenen Hypes vergangener Jahrhunderte ist nicht geplant. Vielmehr liegt der Fokus auf der nicht weniger spannenden historischen Realität des Exponats. So sind längst noch nicht alle Rätsel um die Eiserne Jungfrau gelöst. Seit 1965 etwa fehlt jede Spur der Schwester der Eisernen Jungfrau von Nürnberg, der Feistritzer Jungfrau. Diese Fährte wieder aufzunehmen, könnte einiges detektivischen Spürsinns bedürfen und vielleicht noch so manche Überraschung bergen…

 

Markus Hirte

Ich heiße Dr. Markus Hirte. Geboren wurde ich 1977 in Weimar. Ich habe Rechtswissenschaft studiert und wurde an der Friedrich-Schiller-Universität Jena zum Dr. iur. promoviert. Meinen Abschluss zum Magister Legum bestritt ich an der Fernuniversität Hagen. Ein Studienaufenthalt führte mich auch an die Cambridge University nach England. Knapp sieben Jahre arbeitete ich als Rechtsanwalt in Stuttgart, Berlin und London. Mein Herz schlug jedoch immer schon vor allem auch für die Strafrechtsgeschichte, meine Publikationsliste wurde länger und länger. Seit 2013 bin ich nun geschäftsführender Direktor des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg und kann mich noch intensiver der Historie widmen. Meine Forschungs- und Interessenschwerpunkte: ältere und neuere Strafrechtsgeschichte, insbesondere mittelalterliches Kirchenstrafrecht, Inquisitionsverfahren, Hexenverfolgungen und die Entwicklung der Todesstrafe. http://www.kriminalmuseum.rothenburg.de/

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