Rothenburger Stolpersteine – Ein ganz besonderes Pflaster oder Auf diese Steine sollten Sie schauen!

 

Die eher unbekannte Seite unserer wunderschönen fränkischen Kleinstadt.

Zum Schwan in der Oberen Schmiedgasse 15 / Foto: H.Ernst
Zum Schwan in der Oberen Schmiedgasse 15 / Foto: H.Ernst

Wenn ich vom Plönlein in Richtung Marktplatz auf der Unteren und Oberen Schmiedgasse gehe, erfreue ich mich nicht nur an den Geschäften und dem erst vor wenigen Jahren neu gemachten Pflaster, sondern vor allem an dem einen, kleinen Pflasterstein vor dem Gasthof Zum Schwan. Er fällt kaum auf und doch schaue ich immer mal wieder drauf. Denn ich war dabei als genau dieser Stein dort seinen Platz und seine Bestimmung fand. Leuchten und funkeln sollte er, wie ein Ewiges Licht zum Gedenken an was mal war.

Ach wenn diese Mauern doch sprechen könnten! Was hätten sie nicht alles zu erzählen.

GZSZ – Gute Zeiten / Schlechte Zeiten

Heute schlendern Menschen aus allen Herren Ländern friedlich durch die beschaulichen Gassen. Es ist aber noch gar nicht so lange her, da hämmerten schwere Stiefelsohlen über das Pflaster und zerrten Menschen aus ihren Häusern. Plötzlich wurden aus Mitbürgern Menschen zweiter Klasse. Nachbarn, im besten Fall hilflose Freunde, meist stumme Zeugen, manchmal sogar Täter.

Franken war ganz schön „Braun“. Die NSDAP konnte auch hier große Wahlerfolge verzeichnen und unser schönes mittelalterliches Städtchen war auch schon damals sehr beliebt. Die ganzen großen Namen, sie waren alle da.

Zum Glück vorbei!

Rudolf Hess, Hermann Göring, Heinrich Himmler und Adolf Hitler standen alle schon mal auf unserem Marktplatz. Sind vermutlich auch am Schwanen vorbei gekommen. Was würden die Besucher von damals heute wohl zu Rothenburg sagen? Diese heute so weltoffene Stadt, die sich immer mehr der braunen Flecken ihrer Geschichte erinnert und auch deutliche Zeichen dagegen setzt.

(weitere Infos: Rothenburg unterm Hakenkreuz)

Steine gegen das Vergessen

Wenn ich auf Führungen auf dieses Thema zu sprechen komme, leite ich es gerne mit einem Zitat aus dem Talmud ein, das der Erfinder der Stolpersteine auch auf seiner Internetseite www.stolpersteine.de verwendet. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“. Es geht um Steine gegen das Vergessen. Es geht darum zumindest mal für einen Moment im Geistigen Sinne zu stolpern und aus dem Tritt des Alltags zu geraten.

Seit 2013 gibt es sie nun auch bei uns in der Altstadt von Rothenburg ob der Tauber. Die immer wieder kontrovers diskutierten Stolpersteine.

Am 26. April war Gunter Demnig bei uns und hat an fünf Stellen insgesamt zehn seiner Steine selbst gesetzt, so wie er das bis auf wenige Ausnahmen immer tut.

Vier Stolpersteine befinden sich bei der Herrngasse 21. Hier war die Gebetsstube der letzten jüdischen Gemeinde von Rothenburg eingerichtet.

Jeweils zwei wurden bei der Judengasse 22 und der Neugasse 36 gesetzt. Die letzten beiden sind zum einen in der Kirchgasse vor dem Haus Nr. 1 und eben in der Oberen Schmiedgasse Nr. 15 zu finden.

Judengasse Nr. 24 / Foto: H. Ernst
Judengasse Nr. 22 / Foto: H. Ernst
Kirchgasse Nr. 1 / Foto: H.Ernst
Kirchgasse Nr. 1 / Foto: H.Ernst
Herrngasse Nr. 21 / Foto: H.Ernst
Herrngasse Nr. 21 / Foto: H.Ernst

 

Die Bedeutung der Stolpersteine

Wenn ich auf meinen Führungen auf diese 9,6 x 9,6 cm kleinen, mit einer Messingtafel versehenen Pflastersteine hinweise, hatte ich noch nie negative Reaktionen oder kontroverse Diskussionen. Ganz im Gegenteil. Inländische Gäste verbinden mit diesen Mahnmalen zwar meist den Holocaust, also nur die jüdischen Opfer, und da ergänze ich gerne das Wissen. Es geht hier um alle Opfer der Nationalsozialisten und die Liste ist lang. Sinti / Roma, Zeugen Jehovas, Behinderte, Homosexuelle, Kommunisten und so weiter und so fort. Es war nicht schwer ein Opfer zu werden!

2 Stolpersteine in der Neugasse
2 Stolpersteine in der Neugasse Nr. 36

Gerade Gäste aus dem Ausland sind dann ganz besonders interessierte Zuhörer. Nach meiner Erklärung, dass diese kleinen Gedenktafeln an das Schicksal der Menschen erinnern, die in der NS-Zeit verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden, wird von Gästen aus dem Ausland immer wieder die Kamera gezückt und darüber gesprochen.

Die Verbreitung der Stolpersteine

Länder mit verlegten und geplanten Stolper­steinen, Weißrussland und Litauen folgen 2016 - By Cirdan [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons
Länder mit verlegten und geplanten Stolper­steinen, Weißrussland und Litauen folgen 2016 – By Cirdan [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons
Aus dieser Reaktion schließe ich, dass dieses Kunstprojekt von Gunter Demnig im Ausland noch nicht so bekannt ist. Dabei sind die 57.000 Stolpersteine und inzwischen auch 17 Stolperschwellen (Foto: Wikipedia) bereits in 20 Nationen zu finden sind. In der Regel vor dem letzten frei gewählten Wohnhaus. Voraussichtlich in diesem Jahr wird mit Weissrussland noch ein weiteres Land dazu kommen. Die Tore ins Baltikum stehen dem mehrfach ausgezeichneten Künstler (zum Beispiel 2005 Bundesverdienstkreuz) auch auf. So hat er mir auf meine aktuelle Anfrage auch von Kontakten nach Litauen und Riga in Lettland berichtet.

Ein Ende mit Schrecken

Das Grauen kam zurück. Der Terror, von den Nazis in die Welt exportiert, hat am Ende nicht nur seine Geistigen Väter eingeholt, sondern ganz Deutschland.

Zerstörter Stadtteil 1945
Zerstörter Stadtteil 1945

Die Bilder sind allen bekannt und leider wurde auch unser mittelalterliches Kleinod nicht verschont. Am 31.März jährt sich der verheerende Bombenangriff auf Rothenburg zum 71. Mal.

Aber damit war es immer noch nicht vorbei. Es kam noch zu weiteren tragischen Vorfällen und gerade solche Einzelschicksale führen mir das Grauen besonders deutlich vor Augen.

Die Männer von Brettheim & Rothenburger Opfer

Mit der Geschichte aus meinem Heimatdorf im April ´45 bin ich groß geworden. Die Ereignisse sind ausgezeichnet dokumentiert und veröffentlicht, unter anderem in der Erinnerungsstätte im Brettheimer Rathaus.

Die Gräber der Opfer des Bombenangriffes sind mit anderen Opfern der letzten Kriegstage in einem speziellen Bereich unseres Friedhofes zu finden. Unweit davon entfernt hängt seit dem 7. April 2015 eine Tafel für den dort 70 Jahre zuvor exekutierten Johann Rößler.

Friedhof Rothenburg / Foto: H.Ernst
Friedhof Rothenburg / Foto: H.Ernst
Gedenktafel J. Rößler / Foto: H. Ernst
Gedenktafel J. Rößler / Foto: H. Ernst

Auf dessen Geschichte bin ich erst während meiner Recherche für diesen Blogbeitrag aufmerksam geworden. Ausführlichere Informationen finden sich auf der ausgezeichneten Internetseite „Rothenburg unterm Hakenkreuz“ Link. Hier gleich der Link zu dem Artikel über J. Rößler.

 

 

Vergangenheit – Gegenwart – ??? und was lernen wir daraus?

Bei all diesen Geschichten, die durch Projekte wie die Stolpersteine oder „Rothenburg unterm Hakenkreuz“ aus dem Nebel der Vergangenheit ins Licht der Gegenwart gehoben werden, stellen sich mir zwei Fragen.

  • Wie viele Tragödien haben sich im Laufe der Geschichte hinter diesen Mauern ereignet, von denen wir (noch) nichts wissen?
  • Was lernen wir daraus?

Diese Zeiten sind gute Zeiten zumindest hier und trotz aller aktuellen Herausforderungen ist dieses Land und diese Stadt ein sehr guter Ort zum Leben. Groß ist Rothenburg mit seinen 11.000 Einwohnern zwar nicht, aber definitiv international und kosmopolitisch. Das wäre auch ein gutes Thema für einen meiner nächsten Beiträge. Aber eines ist heute schon sicher.

Rothenburg ob der Tauber ist ebenso lebens- wie liebenswert und hier ist die Welt zu Gast!

Harald Ernst

Bin ich ein Rothenburger? JAIN! Meine Wurzeln liegen nur 15 km von Rothenburg entfernt. Brettheim, früher ein Teil des Stadtgebietes der Reichsstadt mit ca. 180 Dörfern, liegt heute in einem anderen Bundesland (BW). Das erklärt, weshalb ich mich als Rothenburger fühle, inzwischen auch in der Altstadt lebe, aber nicht wie ein Rothenburger klinge. Ich bin ein Hohenloher mit entsprechendem Dialekt (wenn ich will oder darf) und habe mich während meines Zivildienstes (1990/91) in der Jugendherberge in die Stadt verliebt. Außerdem habe ich mich durch die Gäste aus aller Welt inspirieren lassen und das Reisen für mich entdeckt. Menschen, Länder, Abenteuer lassen mich immer wieder meine Koffer packen. Doch genauso gerne kehre ich immer wieder zurück in diese besonders schöne Stadt. Aus Hobby wurde Beruf. Bereits 1993 kam ich zur Gästeführerei. Im Jahr 2000 habe ich mit einem Freund ein Reiseunternehmen gegründet und bin seit dem selbstständiger Stadtführer, Reiseleiter und Driverguide für Gäste aus aller Welt im In- und Ausland. Doch mein Schwerpunkt ist und bleibt Rothenburg ob der Tauber. Hier kenne ich mich am besten aus. Hier bin ich Zuhause.

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2 Antworten auf „Rothenburger Stolpersteine – Ein ganz besonderes Pflaster oder Auf diese Steine sollten Sie schauen!“

    1. Sehr geehrter Herr Molltor,

      gerne greife ich Ihre Bitte auf und nenne hier nochmal wie im Beitrag die Liste der Stolpersteine.

      Vier Stolpersteine befinden sich bei der Herrngasse 21. Hier war die Gebetsstube der letzten jüdischen Gemeinde von Rothenburg eingerichtet.

      Jeweils zwei wurden bei der Judengasse 22 und der Neugasse 36 gesetzt. Die letzten beiden sind zum einen in der Kirchgasse vor dem Haus Nr. 1 und eben in der Oberen Schmiedgasse Nr. 15 zu finden.

      Mit freundlichen Grüßen
      Harald Ernst

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