Rothenburg ob der Tauber als Stadt der Stille

In den Tagen bis Ostern kitzelt die Frühjahrssonne Rothenburg wach. Ich schiebe mein Rad durch die Rödergasse. Autos gibt es hier kaum. Der Storch hat sein  Nest bezogen. Heute habe ich etwas Zeit und kann der Internetgemeinde meine Lieblingsplätze in Rothenburg zeigen. An manchen Orten in Rothenburg fühle ich mich besonders wohl. Dort geht mein Blick ins Weite und ich kann die Stille besonders genießen, und aufatmen.

Der Burggarten

Die grüne Lunge Rothenburgs ist der Burggarten. Jetzt, Mitte März, schaut noch kaum Grün hervor. Beide Seiten des Bergsporns, auf dem die alte Stauferburg einmal stand, gewähren einen weiten Blick ins Taubertal nach Süden und nach Norden. Einige genießen die ersten Sonnenstrahlen im Garten der Natur.

Frühjahr im Burggarten

Inspirierende Orte

Wenn man den südlichen Ausgang des Burggartens wählt und ein paar Schritte dem Muschelzeichen in Richtung Jakobsweg nach Tübingen/Rottenburg oder Speyer geht, kommt man durch parkähnliche Anlagen und durch den Weinberg der Familie Thürauf an der sogenannten „Riviera“ mit stillen verwunschenen Wegen. Gleich zu Beginn, an der Georg-Pirner-Anlage, taucht ein winziges kleines gelbes Sommerhäuschen auf.

Häuschen

Auch wenn es mir natürlich nicht gehört, stellt es für mich doch ein schönes und stilles Refugium dar mit nur wenig Quadratmetern Fläche und einem phänomenalen Blick über das Taubertal hinweg. Es steht in einem grünen Garten voller Schneeglöckchen. Ich stelle mir vor, dass ein Schriftsteller, fern abgeschieden von aller Welt, hier seine Inspirationen zu Papier bringt.

Die Sonne malt Bilder in  der Franziskanerkirche

Zurück in der Altstadt, in die Herrngasse: Eine der schönsten Kirche mit einem Innenraum von geradezu faszinierender Ausstrahlung ist die Franziskanerkirche. Ich mag es gerne, hier still zu sitzen und der Sonne zuzusehen, wie sie die Wände mit Licht bemalt. Doch davon habe ich schon in einem anderen Blogbeitrag geschrieben. Leider ist die Kirche bis kurz vor Ostern wegen Renovierungsarbeiten geschlossen, aber dann öffnet sie ihre Geheimnisse wieder.

Franziskanerkirche Engel

Am höchsten  Punkt der Stadt Rothenburg

Auch ein schöner Ort, aber nicht öffentlich zugänglich: die Türme der St.-Jakobs-Kirche. Wenn schönes Wetter ist, sitze ich manchmal hoch dort oben auf dem Südturm. All die Geräusche der Stadt, Unterhaltungen, Rufen, Hupen, Musik – all das bleibt ferne und leise unter mir als ob mich diese Welt nichts anginge. Dort oben komme ich auf die besten Gedanken.

Blick auf Franziskanerkirche

Den romantischen englischen Maler Arthur Wasse hat die pittoreske Weltabgeschiedenheit der Jakobstürme dazu inspiriert, seine Frau Fanny zu malen, wie sie dort Dohlen füttert. Im Hintergrund ist das Dorf Detwang zu sehen – und alles sieht heute fast genauso aus wie damals, obwohl über hundert Jahre seitdem verstrichen sind. Das mystisch anmutende Gemälde kann man übrigens noch bei einem Besuch des Reichsstadtmuseums im Original betrachten und dann noch viel mehr Details entdecken.

wasse St  St. Jakob Südturm

 

Die Nacht in  Rothenburg. Ein Wispern

Etwas ganz Besonderes aber ist die Stille in der Rothenburger Altstadt, wenn die Nacht angebrochen ist. Die Geräusche sind dann nämlich völlig andere als am Tag. Ruhe ist eingekehrt, die Stadt birgt sich in der Stille. Bisweilen hört man den gedämpften Glockenschlag eines Uhrwerkes. Ein Käuzchen ruft aus dem Taubertal. Mir kommen Verse aus Matthias Claudius’ Abendlied in den Sinn:

Wie ist die Welt so stille,
Und in der Dämmrung Hülle
So traulich und so hold!
Als eine stille Kammer,
Wo ihr des Tages Jammer
Verschlafen und vergessen sollt.

Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.

Wenn ich bei Dunkelheit auf den Gassen der Rothenburger Altstadt unterwegs bin, unterhalte ich mich gerne nur mit gedämpfter Stimme, nur um diese Stille nicht zu stören, und ich möchte mich am Liebsten nur auf Zehenspitzen fortbewegen.

Mit etwas Glück kann man dann auch hören, dass es an manchen Stellen eine zweite Welt hinter diesen ehrwürdigen Steinen gibt! Dann hört man es nämlich ganz leise rascheln und piepsen. Zum Beispiel am Treppenaufgang im Norden von St. Jakob. Dort zwischen den Steinritzen erzählen sich die Kirchenmäuse ihre Gutenacht-Geschichten. Doch um sie zu verstehen, muss man selbst ganz, ganz still sein. Nur lauschen.

Stufen St

Oliver Gußmann

In Rothenburg bin ich Touristen- und Pilgerpfarrer an St. Jakob. Das ist die große, an Kunstschätzen reiche evangelische Kirche mit den Doppeltürmen mitten in Rothenburg! Meine Aufgabe ist es, die Kirchen Rothenburgs Gästen und Touristen aus der ganzen Welt bekannt zu machen. Die zahlreichen Gotteshäuser des gotischen Rothenburgs erzählen mit Bildern und Symbolen vom Glauben, der Liebe und der Hoffnung unserer Vorfahren; sie berichten vom Sterben und Auferstehen, von Hingabe und Erlösung. Bei meiner Arbeit hilft mir ein Kirchenführer-Team. Außerdem traue ich Hochzeitspaare, mache Nachtkirchenführungen und vieles mehr. Gerne führe ich durch das jüdische Rothenburg oder biete für Kinder und Jugendliche kirchenpädagogische Führungen an. Für die Jakobuswege, von denen sich einige in Rothenburg kreuzen, bin ich der Ansprechpartner. Mir liegt eine gesunde Umwelt am Herzen. Darum fahre ich ein "Velomobil" - eine Mischung zwischen Seifenkiste und Rennauto. Wenn Sie so etwas in Rothenburg stehen sehen, bin ich sicher nicht weit entfernt! Mehr über meine Arbeit: www.rothenburgtauber-evangelisch.de/tourismus

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