Riemenschneider in Rothenburg ob der Tauber

Tilman Riemenschneiders Altäre in Rothenburg ob der Tauber

Tilman Riemenschneider ist bekannter und angesehener Bildschnitzer an der Grenze zwischen Mittelalter und beginnender Renaissance. Er lebte von 1461–1531 und ist bekannt als der „Bildschnitzer von Würzburg„.

Riemenschneider Selbstbildnis Creglingen

Damals war die Welt in Bewegung ähnlich wie heute. Amerika war einige Jahre zuvor von den Spaniern entdeckt worden. Die majestätische gotische  St.-Jakobs-Kirche in Rothenburg hatte man gerade erst fertiggestellt. Es gab viele Wallfahrten und einige wenige wagten wohl auch eine Pilgerfahrt nach Rom oder nach Santiago auf dem  Jakobsweg. Und Meister Tilman stand um das Jahr 1500 in seiner Würzburger Werkstatt und überlegte mit seinen Gesellen, wie er wohl an Besten das Bild vom Abendmahl Jesu mit seinen Schülern schnitzen könnte.

Abendmahl Heilig-Blut-Altar (ca 1500)

Ein Bild, mit dem ihn die Stadt Rothenburg beauftragt hatte. Das Ergebnis können wir heute in der St. Jakobs-Kirche bewundern. Viele Gäste unserer Stadt lassen es sich nicht nehmen, die Treppe zum Westchor der Kirche hoch zu steigen, trotz des Obolus, den man für die Erhaltung der Kirche zahlen muss. Von Riemenschneider gibt es kaum noch vollständig erhaltene zweiflügelige Altäre. Die meisten stehen rund um Rothenburg und sind von hier aus gut erreichbar:

Der Heilig-Blut-Altar in St. Jakob im Zentrum der Stadt in der Klostergasse.

Der Franziskus-Altar in der Franziskanerkirche in der Herrngasse, ein paar 100 Meter davon entfernt.

Franziskanerkirche

Der Heilig-Kreuz-Altar in der Detwanger St.-Peter-und-Pauls Kirche. Das Dörfchen kann man in 20 Minuten Fußweg gut erreichen, wenn man von der Herrngasse zum Burggarten geht, den rechten Ausgang nimmt, die Stadtmauer nach rechts außen entlang läuft und dann den idyllischen Spazierweg ins Taubertal hinuntersteigt (ist ausgeschildert).

St.-Peter-und-Pauls-Kirche in Detwang

Und wer das Auto dabei hat, fährt noch 15 Kilometer weiter zur Herrgottskirche nach Creglingen zum dortigen Marien-Altar von Riemenschneider.

Marienaltar Herrgottskirche Creglingen

Oder zum Altar eines Riemenschneider-Schülers nach Wettringen.

Riemenschneider „in situ“

Es geht nicht ohne Fachwörter. „In situ“ meint in etwa das Gleiche, wenn ich mittags gut gegessen habe und dann zum Abendessen das benutzte Geschirr immer noch auf dem Tisch steht, wenn man also alles stehen und liegen lässt. Bei den Archäologen und Kunstgeschichtlern bedeutet „in situ“, dass ein Fund, eine Figur oder eben ein Altar immer noch an dem gleichen Ort steht wie er gefunden worden ist, also nicht im  Museum. Zu dem Thema Riemenschneider in situ haben sich in den vergangenen Tagen viele internationale Fachgelehrte zum Thema Riemenschneider versammelt. Nicht die Kunst zu den Fachgelehrten bringen, sondern die Wissenschaftler zur Kunst bringen, das war ein Ziel der Versammlung. Jedenfalls waren alle Leiter der drei großen deutschen deutschen Sammlungen zum Thema Riemenschneider in Rothenburg anwesend: Claudia Lichte vom Museum für Franken in Würzburg, Matthias Weniger vom Bayerischen Nationalmuseum in München und Julien Chapuis vom Bodemuseum in Berlin. Dazu noch viele Fachleute aus den USA und Deutschland wie der Restaurator vieler Riemenschneider-Altäre Eike Oellermann mit seiner Frau Karin.. Eingeladen hatten zwei junge Kunstwissenschaftler, Katherine Boivin, Bard College, New York und Gregory Bryda, derzeit in Hamburg. Alle waren sich nach den Exkursionen nach Rothenburg, Creglingen, Maidbronn und Würzburg einig. Kaum ein anderer verstand es so wie Riemenschneider, den Figuren eines Altares so viel Leben einzuhauchen. Er schnitzte die Figuren meist lebensgroß. Manchmal erhielten sie eine bunte Farbfassung, manchmal blieben sie „holzsichtig“, d.h. der Meister malte nur ein wenig schwarz für die Augen und rot für die Lippen der Figuren. Überhaupt war, das kam bei der Tagung auch heraus, der Lichteinfall von der Seite durch die Fenster einer Kirche von großer Bedeutung für die Altäre Riemenschneiders.

Licht und Schatten – die besten  Zeiten

Am liebsten gehe ich am späten Vormittag zwischen 11 und 12 Uhr zum Heilig-Blut-Altar nach St. Jakob, denn dann ist das Licht von der Südseite am Besten: Je nach Sonnenstand wird die Judasfigur, dann die Jünger und dann die Bilder auf den Seiten besonders hervorgehoben, wie es Meister Til beabsichtigt hat. Und mir hat die Tagung der Wissenschaftler wieder gezeigt: Eigentlich gehören Altäre nicht wie oft ins Museum, sondern in die Kirche. Und wenn ich dort oben stehe frage ich mich: Wieviele Menschen haben dort am Altar in einem stillen Gebet ihre Ängste, Nöte und Verletzungen vor Gott gebracht oder einfach aus Freude ein Loblied angestimmt?

Nächtliche St.-Jakobs-Kirche

Nacht der Riemenschneiderkirchen

Ein besonderes jährliches Ereignis ist am morgigen Samstag, den ersten Juli 2017. Da findet wie jedes Jahr wieder eine sommerliche Nacht der Riemenschneiderkirchen statt. Da kann man Altäre der Riemenschneiderkirchen bei Kerzenschein sehen, wie sie auch im Mittelalter in der Dämmerung beleuchtet waren: Folgende Kirchen sind bei Kerzenschein geöffnet: Die St.-Jakobs-Kirche ist von 21 bis 24 Uhr offen. Um 21, 22 und 22.45 Uhr kann man in der weitläufigen Kirche Flöte und Orgel hören und dabei in der halbdunklen Kirche flanieren. Zu jeder halben Stunde gibt es eine kurze Führung zum Heilig-Blut-Altar von Tilman Riemenschneider. Die Franziskanerkirche ist von 21 bis 23.30 Uhr geöffnet. Um 21.30 und 22.30 Uhr gibt es Musik mit Blockflöte und Gitarre und um 21 und 22 Uhr ist eine Kurzführung zum Franziskusaltar. Auch die St.-Peter-und-Pauls-Kirche von Detwang ist von 21 bis 23 Uhr geöffnet. Orgelmusik erklingt dort um 21 und 22 Uhr. Und wer möchte, kann auch zum Marienaltar in die Herrgottskirche nach Creglingen fahren. Dort ist von 20–21.30 Uhr geöffnet. Der Eintritt zu allen Kirchen ist frei. Natürlich darf man auch, ohne Blitz, ein Foto machen. Vielleicht treffen wir uns!

 

 

Oliver Gußmann

In Rothenburg bin ich Touristen- und Pilgerpfarrer an St. Jakob. Das ist die große, an Kunstschätzen reiche evangelische Kirche mit den Doppeltürmen mitten in Rothenburg! Meine Aufgabe ist es, die Kirchen Rothenburgs Gästen und Touristen aus der ganzen Welt bekannt zu machen. Die zahlreichen Gotteshäuser des gotischen Rothenburgs erzählen mit Bildern und Symbolen vom Glauben, der Liebe und der Hoffnung unserer Vorfahren; sie berichten vom Sterben und Auferstehen, von Hingabe und Erlösung. Bei meiner Arbeit hilft mir ein Kirchenführer-Team. Außerdem traue ich Hochzeitspaare, mache Nachtkirchenführungen und vieles mehr. Gerne führe ich durch das jüdische Rothenburg oder biete für Kinder und Jugendliche kirchenpädagogische Führungen an. Für die Jakobuswege, von denen sich einige in Rothenburg kreuzen, bin ich der Ansprechpartner. Mir liegt eine gesunde Umwelt am Herzen. Darum fahre ich ein "Velomobil" - eine Mischung zwischen Seifenkiste und Rennauto. Wenn Sie so etwas in Rothenburg stehen sehen, bin ich sicher nicht weit entfernt! Mehr über meine Arbeit: www.rothenburgtauber-evangelisch.de/tourismus

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Eine Antwort auf „Riemenschneider in Rothenburg ob der Tauber“

  1. Unter dem Foto des Abendmahl Heilig-Blut-Altar (ca 1500) hier auf der Seite hat sich wohl im Satz ein Fehler eingeschlichen.

    „Viele Gäste unserer Stadt lassen es sich NICHT nehmen, die Treppe zum Westchor der Kirche hoch zu steigen, trotz des Obolus, den man für die Erhaltung der Kirche zahlen muss.

    Das „nicht“ fehlt, glaube ich.

    War gestern dort und sehr bewegt, wie kunstvoll die Altäre dieser Kirche sind.

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