Steht der Heilige Nikolaus in Rothenburg ob der Tauber?

Die Stadtführer in Rothenburg ob der Tauber lassen unsere Gäste nur ungern im Dunkeln. Sollte doch einmal eine Frage offen bleiben, forschen sie auch schon mal selbst nach. So wie es Georg Lehle hier beschreibt – bis zur Vorweihnachtszeit und zum Reiterlesmarkt in Rothenburg ob der Tauber ist es ja noch etwas hin, es bleibt also genug Zeit zum Lesen:

Es gibt den Witz unter uns Stadtführern in Rothenburg ob der Tauber, dass wir uns nette Antworten ausdenken, wenn wir auf Fragen von Touristen keine Antwort wissen. Tatsächlich kommt es trotz der intensiven Ausbildung und schweren Stadtführer-Prüfung vor, dass ein Besucher uns mit seiner Frage auf dem falschen Fuß erwischt.

So etwas passierte mir, als ich den Herlin-Altar in der Jakobskirche vorstellte: Die Skulpturen stammen aus der Schule des Holzschnitzers Hans Multscher, die Gemälde von Friedrich Herlin, fertiggestellt 1466. Da fragte mich eine Frau, welche Skulptur die zweite von rechts darstellen würde. Erwischt, ausgerechnet die wusste ich nicht. Ich schaute mir die Figur schnell an, Bischofsmitra, -handschuhe und -stab, und antwortete: „Das dürfte irgendein Bischof sein.“ Später erfuhr ich im Gespräch mit einem Kirchenführer, dass es laut Überlieferung der heilige Leonhard wäre. Ich lag also total falsch.

Ausschnitt des Herlin-Altars in der St.-Jakobs-Kirche von Rothenburg ob der Tauber. Wen stellt die Figur dar?

Jahre später machte meine Frau die Stadtführer-Ausbildung. Als sie von einem Vortrag des Gäste-Pfarrers Dr. Gußmann zurückkam, sagte sie mir: „Laut ihm wäre unbekannt, welche Person diese Skulptur im Herlins-Altar darstellt. Der heilige Leonhard dürfte es nicht sein.“ Das weckte mein Interesse. Ich suchte im Internet nach ähnlichen Skulpturen aus der Zeit und fand den Heiligen Nikolaus. Er wird stets als katholischer Bischof dargestellt, auch mit einem Buch, auf dem manchmal drei goldene Kugeln liegen. Übrigens hat er nie einen langen weißen Bart, was kein Wunder ist: Vor 500 Jahren war er ja noch ein junger Nikolaus gewesen.

Die St.-Jakobs-Kirche ist einer der Anlaufpunkte in Rothenburg ob der Tauber – auch für Pilger auf den Jakobswegen. Foto: Pfitzinger

Im „Jahrbuch 2004“ des Vereins „Alt-Rothenburg“ beschreibt Dr. Krüger den Herlin-Altar und weist ausgerechnet auf zwei Nikoläuse hin, die auch Multscher schnitzte. Sie weisen mit unserem „Leonhard“ eine große Ähnlichkeit auf, aber es gibt einen gravierenden Unterschied: Bei der Skulptur im Rothenburger Herlin-Altar fehlt an der Spitze des Bischofsstabs die Krümme, der runde, verzierte Abschluss. Warum?

Vielleicht wurde die Krümme vom Stab deshalb abgenommen, damit die Skulptur in die Nische passt? Oder nahmen Protestanten dem katholischen Heiligen Nikolaus die Krümme vom Stab ab, so dass er als Bischof nicht wiedererkannt werden konnte? Martin Luther beschloss im Jahr 1535, dass Nikolaus mit dem Christkind zu ersetzen sei. Tatsächlich wurde der Altar 1585 „evangelisiert“, indem manche Gemälde Herlins im Altar übermalt wurden. Die Heiligenlegende des Jakobus und das Galgenwunder verschwanden unter Bildern der Passion Christi. 1922 entfernte ein Konservator die Übermalungen.

Der Heilige Nikolaus würde auf alle Fälle sehr gut zur Weihnachtsstadt Rothenburg ob der Tauber passen. Dann wäre ich mit meiner damaligen Antwort gar nicht so falsch gelegen, oder?

St.-Jakobs-Kirche, Rothenburg ob der Tauber
Rothenburgs Stadtsilhouette ohne die St.-Jakobs-Kirche – undenkbare! Zwei bedeutende Altäre kann man dort besichtigen. Foto: Pfitzinger

Allgemeine Informationen zur St.-Jakobs-Kirche:
Stolz erheben sich die schmalen Fenster und hohen Türme der Stadtpfarrkirche St. Jakob in Richtung des Himmels. Bis heute überragt die bedeutendste Kirche Rothenburgs die Stadt. Wertvolle Kunstschätze und eine beeindruckende Vielfalt an Kunstgegenständen haben die Bürger der Stadt seit der Fertigstellung der Kirche 1485 hinterlassen. Sie legen ein beredtes Zeugnis davon ab, welche große Bedeutung dieses Gotteshaus für Einheimische und Pilger spielte und immer noch spielt: Auch heute wandern wieder aus allen Himmelsrichtungen Pilger gen St. Jakob. Haben Sie vielleicht die besonders schöne Jakobsmuschel vor der Kirche entdeckt? Lassen Sie sich nicht die größte Kostbarkeit der Kirche entgehen: Der Heiligblutaltar wurde von 1499 bis 1505 in Rothenburg gefertigt, die Darstellung des Abendmahls gilt als eine der imponierendsten Bildschnitzereien des berühmten Tilman Riemenschneider. Von ihm stammt auch der Franziskusaltar im Nordschiff der Franziskanerkirche. Unbedingt besichtigen sollten Sie auch den Zwölfbotenaltar (Hauptaltar) von Friedrich Herlin mit der ältesten Darstellung der Stadt Rothenburg, ebenso die Glasgemälde im Ostchor. Besonders am Morgen leuchten sie in voller Farbpracht, und das seit 700 Jahren!Alternativ zur klassischen Besucherführung können Sie die St.-Jakobs-Kirche auch via Audioguide kennenlernen. Schlendern Sie durch die imposanten gotischen Schiffe der Kirche, oder lassen Sie sich anlässlich eines Kirchenkonzerts von dem opulenten Klang der Rieger-Orgel umfangen.

Georg Lehle

Mich kennen in Rothenburg ob der Tauber viele als Henker. In meiner Geisterführung bring ich den Gästen fundierte Informationen über Aberglauben, Justiz und das Heilwesen im Mittelalter auf unterhaltsame Weise näher. Doch ich weiß nicht nur über schützende Amulette Bescheid, sondern kenn mich auch in der Geschichte der Tauberstadt blendend aus.

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