Im Weltraum unterwegs und doch tief verwurzelt

Der Staudtsche Hof in der Herrngasse von Rothenburg ob der Tauber befindet sich seit dem Ende des 17. Jahrhunderts im Familienbesitz. Der Name „von Staudt“ begegnet einem in der Geschichte der Stadt regelmäßig.

Am Reichsstadt-Gymnasium von Rothenburg ob der Tauber verbindet man mit dem Namen Staudt in erster Linie mathematisches Talent – Jahr für Jahr bekommt der beste Mathematiker unter den Absolventen den Staudt-Preis verliehen. Auch im Theaterstück des Historischen Festspiels „Der Meistertrunk“ taucht der Name Staudt auf. Die historisch belegte Figur des Johann Staudt gehört zu den Senatoren, die in der belagerten Stadt um die Zukunft bangen. Die Patrizier-Familie von Staudt ist also weiter tief mit Rothenburg verwurzelt – insbesondere auch in der Herrngasse.

Rothenburg Tauber Staudtscher Hof
Blick hinter die Kulissen der Herrngasse: Im Innenbereich des Staudtschen Hofs dominieren die Habsburger Farben

Hier gehört ihr seit 1697 der Staudtsche Hof, das älteste unverändert erhaltene Patrizier-Anwesen in Rothenburg ob der Tauber in Familienbesitz. Erstes urkundlich belegtes Familienmitglied war um 1400 Peter Staudt, 1700 kam dann das „von“ im Namen hinzu als die Familie durch die Habsburger in den Adelsstand erhoben wurde. Knapp hundert Jahr später wurde das prominenteste Familienmitglied geboren, auf das sich auch der Staudt-Preis am Reichsstadt-Gymnasium beruft. Karl Georg Christian von Staudt war ein begnadeter Mathematiker, enger Mitarbeiter des Naturwissenschaftlers Carl Friedrich Gauß (vielen noch bekannten vom alten 10-Mark-Schein) in Göttingen und lehrte später selbst an der Universität Erlangen. Nicht viele können wohl von sich behaupten, dass ein Asteroid nach ihnen benannt ist: Am 1. Juni 2000 wurde diese Ehre Karl Georg Christian von Staudt postum zu Teil. Der Wissenschaftler Paul G. Comba erinnerte sich an Verdienste Staudts rund um die Astronomie. Seitdem schwebt ein Asteroid als „(30417) Staudt“ durch den Weltraum.

Staudtscher Hof Rothenburg ob der Tauber
Die Eingangshalle wird auch „Tenne“ gennant und gehört zu jenem Teil des Anwesens, der bei Führungen gezeigt werden kann.

Prominent waren auch einige der Besucher, welche die Familie von Staudt in ihrem Anwesen in Rothenburg ob der Tauber über die Jahrhunderte empfing. So logierten die Habsburger Kaiser Ferdinand I. und Karl V. im Anwesen. Auch Eleonora von Brandenburg, Gattin des Schwedenkönigs Gustav Adolfs II. gab sich die Ehre. Wobei dies mit der Ehre ein zweischneidiges Schwert war, die Unterbringung der königlichen Besucher und des jeweiligen Hofstaats kostete der Familie von Staudt ein beträchtliches Vermögen.
Der enge Bezug zu den Habsburgern wie Ferdinand I. wird auch beim Gang in den Innenhof unmittelbar ersichtlich: schwarz-gelb, die Farben der Herrscherdynastie prangen hier auf den Fensterläden und an den Türen. Zur Herrngasse hin wirkt der Bau eher schmucklos, Extravaganzen lebte man im Bürgertum der Reichsstadt lieber nicht offen architektonisch aus. Den Ursprung der Anlage stellt ein steinerner Wehrbau dar, der Anfang des 13. Jahrhunderts errichtet wurde.

Circa „24 Meter x 72 Meter“ lauteten die Maße des Grundstücks nach der Erweiterung nach Osten und Norden hin, als 1550 das Nachbaranwesen erworben wurde. Hier zeigt sich doch eine kleine Extravaganz: Mit diesem Ausmaß umfasste das Anwesen mehr als das doppelte des damals gängigen, erlaubten Parzellenmaßes in Rothenburg ob der Tauber. Ergänzt wurde der Hof zudem im 18. Jahrhundert mit Fenstergittern im Rokoko-Stil, erkennbar wird der Staudt-Hof nach außen hin auch durch das Familienwappen, das an der Fassden seite hin zur Herrngasse prangt.

Staudtscher Hof Eiben Rothenburg ob der Taubver
Diese Eiben spenden im Innenhof des Staudtschen Anwesens Schatten und befinden sich an der Stelle des einstigen Ostflügels.

Tritt man ein, gelangt man in einen Empfangsraum („Tenne“ oder „Halle“ genannt), der auch heute noch für festliche Anlässe von der Familie genutzt wird. Im Erdgeschoss befinden sich ebenso eine historische Küchenanlage sowie eine Wachstube (der so genannten „Ordonanz“). Zu den Wohnräumen gelangt man über eine hölzerne Wendeltreppe. Geht man durch die Eingangshalle, so gelangt man in den Innenhof. Einst war dies für Fuhrwerke eine Einbahnstraße und ein von der heutigen Herrngasse einfahrendes Gespann konnte das Anwesen durch den Innenhof nur in Richtung der heutigen Kirchgasse verlassen. Heute endet der Weg im Innenhof beim Wirtschaftstrakt und den einstigen Stallungen. Den Innenhof prägen große Eiben, die nach einem Brand 1677 gepflanzt wurden. Sie stehen auf einer Grünfläche, in der sich einst der durchs Feuer zerstörte Ostflügel befand. Selbst bestaunen kann man das Anwesen ausschließlich zu ausgewählten Terminen in Gruppenführungen. Diese koordiniert der Rothenburger Stadtführer Martin Kamphans.

Martin Kamphans
kamphans@posteo.de
Telefon +49 157 70220513
stadtfuehrungen-rothenburg.de

Weitere Bilder und Informationen: http://staudthof.de/

Historische Küche Staudtscher Hof Rothenburg ob der Tauber
Historische Küche: Auch diesen Teil des Anwesens zeigt Stadtführer Martin Kamphans für gewöhnlich zu ausgewählten Terminen.

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