„Alles fabelhaft“ – Schauspieler Markus Grimm ist ein Stammgast in Rothenburg

Ein gern gesehener Gast in Rothenburg ob derTauber: Der Mannheimer Schauspieler Markus Grimm kommt am Samstag, den 28.7., mit dem Stück „Riemenschneider“ ins Toppler Theater (Beginn: 20.30 Uhr). Und im November kehrt er zum Rothenburger Märchenzauber zurück. Dann schlüpft er in „Grimm³ – Die Geschichte der Gebrüder Grimm von und mit Markus Grimm“ in die Rollen seiner Namensvettern (2.11., ab 20 Uhr im Städtischen Musiksaal). Tickets für alle Veranstaltungen gibt es bei www.reservix.de. Im Interview spricht er über seinen Bezug zu Riemenschneider und den Grimms sowie die Faszination für die Stadt Rothenburg.

RTS: Herr Grimm, Sie haben Theologie studiert – ein Fach, das doch wenig Spielraum für Schauspiel und Improvisation eröffnet. Wie verträgt sich das: Theater und Theologie? Und: Wie kamen Sie zur Schauspielerei?

Grimm: Verträgt sich sogar sehr gut. Theologie, wie ich sie immer verstanden habe, ist keine dogmatische Angelegenheit, sondern der Versuch zu verstehen, was es mit unserem In-der-Welt-Sein, mit Sinn, Grund oder Ziel des Lebens auf sich hat. Oder anders akzentuiert: mit dem Wahren, Guten, Schönen. Nicht anders habe ich Theater immer verstanden und auch betrieben.

Markus Grimm Rothenburg ob der Tauber Toppler Theater
Schauspieler Markus Grimm kommt zum Toppler Theater und im November zum Märchenzauber nach Rothenburg ob der Tauber. Foto: Grimm

RTS: Ihr Spiel ist sehr intensiv. Personen wie Jakob und Wilhelm Grimm erwecken Sie wieder zum Leben. Stehen den Zuschauern buchstäblich vor Augen – wie nähern Sie sich historischen Personen wie Riemenschneider oder den Grimms?

Grimm: Ich versuche, Stimmungsbilder zu gewinnen, und zwar primär durch Beschäftigung mit dem, was die Menschen selber getan haben (geschrieben, gedacht bzw. in Stein und Holz hinterlassen); sekundär, soweit möglich, suche ich nach Zeitzeugnissen, um ein Gefühl für die Lebenswelt zu bekommen. Erst an dritter Stelle vertiefe ich mich dann in Fachliteratur. Entscheidend sind aber die Eindrücke, die ich empfange, wenn ich Aufsätze von Jacob Grimm lese oder das von Wilhelm Grimm verfasste Vorwort zu den Märchen; oder wenn ich Bildwerke von Riemenschneider auf mich wirken lasse.

RTS: Was fasziniert Sie an so unterschiedlichen Personen wie den Grimms oder an Tilman Riemenschneider?

Grimm: Ihre Fähigkeit, Gesicht zu zeigen, über Jahrhunderte hin. Ihr Versuch, Mensch zu bleiben oder zu werden in verworrenen Zeiten: Reformation und Bauernkrieg im Falle Riemenschneiders, das Zeitalter der Revolutionen bei den Grimms.

RTS: Was würden Sie Jakob und Wilhelm Grimm gerne fragen, wenn diese vor Ihnen stehen würden?

Grimm: Woher haben Sie die Kraft genommen, gegen die widrigsten persönlichen Verhältnisse (früh Halbwaisen und zum Broterwerb genötigt) Ihr Ding zu machen?

RTS: Und was Tilman Riemenschneider?

Grimm: Sie müssen gewusst haben, dass Sie mit Ihrer spätgotischen Kunst gar nicht mehr in die Zeit passen, das war nämlich die Renaissance, Dürer war Ihr Zeitgenosse: warum haben Sie trotzdem genau so weitergemacht, wie Sie es getan haben?

Heilig-Blut-Altar Rothenburg ob der Tauber
„Gerade dass Judas ins Zentrum der Retabel rückt, ist außergewöhnlich und spricht dafür, dass Riemenschneider genau überlegt hat, was er tut.“

RTS: Riemenschneider hat aus heutiger Warte die Kunst der religiösen Bildwerke revolutioniert – der Rothenburger Heilig-Blut-Altar ist ein Musterbeispiel dafür. Wie stellen Sie sich als Theologe zu Riemenschneiders bildlicher Botschaft?

Grimm: Ich finde sie bemerkenswert. Gerade dass Judas ins Zentrum der Retabel rückt, ist außergewöhnlich und spricht dafür, dass Riemenschneider genau überlegt hat, was er tut. Judas als Mensch, durch dessen Verrat Jesus stirbt, ist zugleich der Mensch, FÜR den Jesus stirbt. Und Judas vertritt in seinem Eigensinn und seiner Ablehnung alle Menschen, vertritt also den Betrachter des Bildes, der sich so ganz nah am Geschehen findet.

RTS: Jakob und Wilhelm Grimm haben mit den „Kinder- und Hausmärchen“ frei nach W.H. Auden sozusagen Weltkulturerbe geschaffen. Was macht Ihrer Ansicht nach bis heute die Faszination aus?

Grimm: Die Grimms waren Schatzsucher und -finder. Ihr Faszination rührt von der Sorgfalt und Liebe zu dem, was Sie gesucht und gefunden haben: Schätze der Sprache – die ja immer zugleich Schätze des Menschseins sind. Gerade die Märchen in ihrer wundersamen, poetischen Sprache sind gleichsam letzte Reste einer Mythologie, die uns Heutigen fehlt, und das ist ein starker Verlust. Die Befassung mit Sprache, mit Bildern, das Leben in ihnen stärkt das Menschsein.

Rothenburg ob der Tauber Turmweg
„Die Stadt als Ganze ist wundervoll und faszinierend. Ich schlendere in allen Gassen herum, spaziere den Wehrgang entlang, ergötze mich an der Aussicht.“

RTS: Sie gastieren dieses Jahr gleich zwei Mal in Rothenburg – was gefällt Ihnen als Würzburger eigentlich an der Tauberstadt? Gibt es hier einen Lieblingsort? Haben Sie für Ihre Zuschauer gar einen Geheimtipp?

Grimm: Die Stadt als Ganze ist wundervoll und faszinierend. Ich schlendere in allen Gassen herum, spaziere den Wehrgang entlang, ergötze mich an der Aussicht. Alles fabelhaft! Nur eins ist in solchen Fällen immer die Gefahr: dass die Menschen das Ganze wie eine Attraktion behandeln. Das kann einen Ort auf die Dauer aushöhlen. Man muss Orten Raum geben und sie leben und atmen lassen.

Rothenburg ob der Tauber Märchenzauber Theater Märchenzauber Grimm Gebrüder
Grimm³ beim Märchenzauber

Die Termine mit Markus Grimm noch einmal in der Übersicht:

28.7.2018 „Riemenschneider“ im Toppler Theater 20.30 Uhr

2.11.2018 „Grimm³“ im Städtischen Musiksaal 20.00 Uhr

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