Jüdisches Kulturerbe in Rothenburg: Das Haus in der Judengasse 10

Im Fokus des Kulturerbe Bayern: Das Haus in Rothenburgs Judengasse 10 mit einer mittelalterlichen Mikwe soll restauriert und somit der Öffentlichkeit leichter zugänglich gemacht werden – auch mithilfe des Kulturerbe Bayern.

Judentum Judengasse 10 Rothenburg ob der Tauber Mikwe
Prominenter Status: Im Haus in der Judengasse 10 verbirgt sich ein jüdisches Ritualbad.

In manchen Kellern mittelalterlicher Häuser mit jüdischer Geschichte kann man sie noch finden: Die Jüdischen Ritualbäder. Für diese seltsamen Becken mit Treppenstufen unter die Wasseroberfläche gibt es viele verschiedene Bezeichnungen, „Frauenbad“, „Tauch“, „Mikwe“, um nur bekanntere zu nennen. Man unterscheidet die großen öffentlichen Monumentalmikwen wie zum Beispiel die in der Stadt Speyer von den eher bescheidenen Kellermikwen, die wohl nur Besuchern oder Besucherinnen aus der unmittelbaren Nachbarschaft vorbehalten waren. Groß muss eine Mikwe ja nicht sein. Gerade so groß, dass eine einzige Person darin vollständig untertauchen kann.

Rothenburg ob der Tauber Mikwe Judentum Judengasse
Der Eingang zum Keller in der Judengasse 10. Hier befindet sich die Mikwe.

Ein jüdisches Tauchbad dient zur rituellen Reinigung in fließendem Wasser. Natürlich könnte man auch eine Quelle, einen Fluss oder das Meer für eine rituelle Reinigung verwenden. Doch in einer mittelalterlichen Stadt wie Rothenburg war das nicht immer möglich, in einen Fluss einzutauchen. Das Ritualbad wird von Frauen z.B. nach der Menstruation und nach der Geburt eines Kindes oder von Männern nach einem Samenerguss benutzt oder einfach am Beginn Hoher Feiertage.

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Blick auf die Mikwe: Ein älteres jüdisches Ritualbad findet man in Deutschland kaum mehr.

Im Gewölbekeller des Hauses Judengasse Nr. 10 befindet sich solch eine kleine, etwa zwei Meter tiefe Mikwe aus dem frühen 15. Jahrhundert. Sie ist wohl eine der ältesten bekannten Mikwen in Deutschland, die erst in den letzten Jahren genauer erforscht werden. So stellt die Rothenburger Mikwe eine kleine Sensation dar. Erst seit 2018 kann man sie zu ausgewählten Terminen ansehen wie am Tag des Offenen Denkmals am kommenden Sonntag.Fünf Stufen führen zu dem kleinen Wasserbecken hinunter, das noch heute mit Grundwasser gefüllt ist. Alle Kleider legte man oben auf einem Stein ab. Auch die Ohrringe mussten Frauen ablegen, damit die Badende durch nichts vom Wasser getrennt wurde. Ein „Badmann“ oder eine „Badfrau“ halfen, dass das Bad den rituellen Regeln entsprach. Das Bad war sehr kühl, nur neun Grad Celsius. Es war also sicherlich sehr erfrischend, in eine Mikwe zu gehen. Die architektonischen Regeln zum Bau einer Mikwe findet man im Talmud im „Traktat Mikwaot“. Eine Mikwe erkennt man zum Beispiel an dem Zufluss und dem Abfluss. So ist das Wasser immer lebendig in Bewegung und sorgt so dafür, dass das Wasser im Becken immer rein bleibt.

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Das Modell der Mikwe: So darf man sich das Ritualbad in der Judengasse 10 vorstellen.

Die Älteren kennen noch die Waschmittelwerbung einer gewissen „Klementine“, die behauptete, ein bestimmtes Waschmittel sei „nicht nur sauber, sondern rein“. In eine Mikwe geht man schon sauber, aber ohne Seife und Shampoo, um bei Untertauchen und Segenssprüchen im rituellen Sinne rein zu werden. Waschungen kennt man auch in anderen Religionen, im Islam reinigt sich man vor dem Gebet, im Christentum gibt es die (nur einmal im Leben vollzogene) Taufe, bei den Katholiken das Sich-Bekreuzigen mit Weihwasser. Auch heute gehen gesetzestreue Juden selbstverständlich in die Mikwe, manchmal sogar wöchentlich, zum Beispiel wenn der Sabbat beginnt.

Die nächste Führung durch das jüdische Rothenburg mit Pfarrer Oliver Gußmann startet am 29. September um 14 Uhr an der Jakobskirche. Anstreichen im Kalender sollte man sich auch den Termin für die Jüdische Kulturwoche: Sie findet vom 13.10.2018 bis 22.10.2018 in Rothenburg ob der Tauber statt.

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Hinweisscheild an der Judengasse 10 – hier erfahren Sie alles zu den Arbeiten rund um das Gebäude.

Oliver Gußmann

In Rothenburg bin ich Touristen- und Pilgerpfarrer an St. Jakob. Das ist die große, an Kunstschätzen reiche evangelische Kirche mit den Doppeltürmen mitten in Rothenburg! Meine Aufgabe ist es, die Kirchen Rothenburgs Gästen und Touristen aus der ganzen Welt bekannt zu machen. Die zahlreichen Gotteshäuser des gotischen Rothenburgs erzählen mit Bildern und Symbolen vom Glauben, der Liebe und der Hoffnung unserer Vorfahren; sie berichten vom Sterben und Auferstehen, von Hingabe und Erlösung. Bei meiner Arbeit hilft mir ein Kirchenführer-Team. Außerdem traue ich Hochzeitspaare, mache Nachtkirchenführungen und vieles mehr. Gerne führe ich durch das jüdische Rothenburg oder biete für Kinder und Jugendliche kirchenpädagogische Führungen an. Für die Jakobuswege, von denen sich einige in Rothenburg kreuzen, bin ich der Ansprechpartner. Mir liegt eine gesunde Umwelt am Herzen. Darum fahre ich ein "Velomobil" - eine Mischung zwischen Seifenkiste und Rennauto. Wenn Sie so etwas in Rothenburg stehen sehen, bin ich sicher nicht weit entfernt! Mehr über meine Arbeit: www.rothenburgtauber-evangelisch.de/tourismus

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