Zu Hause in Rothenburg, unterwegs in der Welt der Theater

Dieter Balb liefert uns einen Nachruf auf die Maskenbildnerin Pauline Rahn – ein echtes Rothenburger Original.

Eine Kleinstadt und noch dazu eine wie Rothenburg ob der Tauber lebt in besonderem Maße von ihren Persönlichkeiten und Originalen. Der Zeitenlauf bringt es mit sich, dass es bald niemanden mehr gibt, den man noch als Zeitzeuge befragen könnte. Unvergessen wird jemand wie Pauline Rahn bleiben, die im Alter von 90 Jahren im August 2018 verstorben ist. 

Aus einfachsten Verhältnissen heraus hat sie ihren eigenen Weg gewählt, folgte ihren Neigungen und ließ sich durch nichts beirren – und am Ende stand eine bemerkenswerte Karriere als Maskenbildnerin mit internationalen Stationen. Dabei lernte sie als junges Mädchen erstmal in der Metzgerei ihres Vaters, entdeckte aber schon bald die Liebe für das Theater. Als sie als 13jährige ihr Bühneninteresse äußert, bekommt sie von der Mutter eine gesalzene Antwort.  Nach einer gescheiterten Ehe und mit nur 45 Mark in der Tasche geht sie auf eine Kosmetikerschule in Frankfurt, es ist der Einstieg in die neue Welt. 

Schließlich lernt sie Maskenbildnerin als Grundlage einer Karriere, die sie mit den Großen der Bühne in Berührung bringt.  Das Staatstheater Stuttgart wird ihre berufliche Heimat. Bis spät in die Nacht schminken, frisieren, Perücken herrichten für Schauspiel, Ballett und Oper. 

Ihr Jugendtraum erfüllt sich in ungeahnter Weise, auf Tuchfühlung mit Künstlern wie John Cranko, der das Stuttgarter Ballett weltberühmt machte. Sie wurde  Solo-Maskenbildnerin und war so gefragt, dass man sie auf Amerika-Tournee mitnahm und nach Göteborg ans Stora-Theater schickte, wo sie sogar mit Ingmar Bergmann und Liv Ullmann arbeitete.

Pauline Rahn Rothenburg ob der Tauber Nachruf
Unterwegs in Gassen ihrer Heimat Rothenburg ob der Tauber: Pauline Rahn

Mit 42 Jahren schien ihr Berufsweg durch ein Augenleiden beendet. Zurück in Rothenburg betrieb sie zeitweise einen Blumenladen und half in der Goldschmiede Untere Schmiedgasse mit. Mit 52 Jahren aber wurde sie ans Staatstheater Stuttgart zurückgeholt und durfte eine zweite erfolgreiche Theaterkarriere erleben. Tourneen nach London und Rom, Athen und Moskau, (Peter Ustinov bei ihr in der Maske) gehörten dazu. 

Ihrem Bruder Hermann (der unvergessene „Wurschtele”) half sie oft in seiner Wirtschaft aus, auch er eines der Rothenburg Originale, die man vermisst. Eine zweite Krebserkrankung  im Alter galt es zu überstehen. In der Stadt traf man sie bis zuletzt oft unterwegs, stets sprühend vor Geist, Ideen und Gedanken, in unverblümter engagierter Rede und mit einem herzhaften Lachen.   

Dann tauchte sie unvermittelt in ihre Jugendzeit ein, erzählte lebendig von Schicksalsschlägen und glücklichen Momenten, ihrer großen Familie und dem früheren Zusammenhalt , denn die heutige Schnellebigkeit und Anonymität, die fehlende Nachbarschaft und Oberflächlichkeit machten ihr Kummer. Die Rothenburger und viele ihrer auswärtigen Bekannten nahmen in einer Trauerfeier in der Heilig-Geist-Kirche Abschied von einer couragierten Frau. 

Pauline Rahn Rothenburg ob der Tauber Nachruf
Frau von Welt: Pauline Rahn arbeitete weltweit an Theatern, blieb Rothenburg ob der Tauber aber stets verbunden.

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