Adventskalender – Geschichte(n) im Deutschen Weihnachtsmuseum in Rothenburg ob der Tauber

Im romantischen Rothenburg gibt es immer wieder Gelegenheiten, um sich beim Bummeln durch die idyllischen Straßen der Stadt in ein wunderbares Märchenland zu träumen. Mir ging es dieser Tage wieder einmal so, als ich durch Rothenburg schlenderte. Dort, wo sich das Ensemble von Röderbogen, Teil der ersten Stadtbefestigung aus dem 12.Jh., und den ihn umgebenden attraktiven Bürgerhäusern am Markusturm befindet, sah ich auf einmal das Motiv meines diesjährigen Adventskalenders zum Leben erwacht.

Rothenburg, Blick auf Röderbogen und Markusturm
Rothenburg, Blick auf Röderbogen und Markusturm

 

Advents- oder Weihnachtskalender – wer kennt sie nicht, aber was weiß man wirklich darüber? Spätestens ab Oktober sind sie im Handel omnipräsent und ihre (Bilder)Geschichten sind vermutlich so vielfältig wie es Sandkörner in der Welt gibt. Je mehr man sich mit den kleinen Kunstwerken aber beschäftigt umso spannender wird auch ihre Historie, weit hinaus über die farbigen Darstellungen und kleinen Geschenke die sich darin verbergen:

Vom Abreißkalender zum Bilderbuch

Vorläufer gab es schon Mitte des 19.Jhs. als man z.B. wie in einem Kinderbuch von 1851 beschrieben jeden Tag „ein Bildchen an die Tapete heftete“ , Kreidestriche an eine Türe gemalt oder papierne Weinblätter mit Bibelsprüchen an einem sogenannten Adventsbaum aufhing (erste Edition 1846) um den Kindern die unendlich lange und schlecht fassbare Wartezeit bis Weihnachten abzählbar zu machen.

 

Adventskalender wie wir sie heute kennen wurden erst Anfang des 20.Jh. erfunden. Gerhard Lang (geb. 1881, gest. 1974) hat 1903 in München den ersten käuflich erwerbbaren, in größerer Stückzahl gedruckten „Weihnachts-Kalender“ herausgegeben. Er hieß „Im Lande des Christkinds“ und bestand aus einem Blatt mit 24 Bildchen die man ausschneiden musste und einem farbigen, mit wunderschöner Grafik versehenen Karton mit weihnachtlichen Versen. Auf die Verse wurden täglich die passenden Bildchen aufgeklebt, so dass sich ein komplettes Bild ergab. Die Verse dieses Adventskalenders wurden übrigens um 1930 sogar im ersten Adventskalender für Blinde veröffentlicht.

Im Lande des Christkinds, komplett beklebt, RLM, Nachruck von 1915 (Erstauflage 1903)
Im Lande des Christkinds, komplett beklebt, RLM, Nachruck von 1915 (Erstauflage 1903)

Überhaupt scheinen Ausschneid- oder kalendarische Abreißbildchen und dazugehörige Bilderbücher zum Einkleben in der Anfangszeit sehr beliebt gewesen zu sein – die „Panini-Sammelalben“ des frühen 20. Jahrhunderts. Die dabei erzählten Geschichten in denen oft bekannte Märchengestalten in neuen Geschichten auftraten ( in „Peter & Liesel“ aus dem Jahr 1920 kommt z.B. Frau Holle vor) wurden von bekannten Kinderbuchautoren geschrieben und von namhaften Illustratoren gezeichnet. Es sind wirklich kleine Kunstwerke für´s Kinderzimmer, die da geschaffen wurden.

Etwas Spannendes zum Bestaunen, Lesen, Basteln, Spielen und zum Naschen

Fantasie und die Frage, wie man die Begeisterung und Neugier der Kinder über 24 Tage aufrecht erhält, spornten zu neuen Ideen an. So entstand um 1920 das erste „Türchenmodell“ („Christkindleins Haus“, 1920), bei dem man erst durch das Öffnen der mit Zahlen versehenen Fensterchen das dahinter stehende Bild entdecken kann. Jetzt war der Adventskalender auch spannend.

Ebenfalls in den 1920er Jahren wurden erstmals Schokoladenstückchen in einen Adventskalender eingelegt und bereits  Ende des Jahrzehnts galten Schokoladenadventskalender als die beliebtesten Modelle – und sind es bis heute geblieben.

Schnell geht die Entwicklung voran und Weihnachtskalender tauchen auf, deren einzelne Motivbestandteile man mittels eines Schiebers oder einer Drehscheibe bewegen und verändern konnte (z.B. „Christkindleins Festzug“, 1935; „Weihnachtsuhr“, 1925). Ebenfalls sehr beliebt waren Weihnachtsuhren, wo man durch tägliches weiterdrehen des Zeigers das „Warten auf´s Christkind“ schon fast wörtlich nimmt. Das ultimative Kinderspielzeug vor dem Überraschungsei war nun entwickelt.

 

Motive, aus Fantasie und echter Zeitgeschichte geboren

Je jünger die Weihnachtskalender sind, desto vielfältiger werden Stil und Inhalt ihrer Darstellungen. Traditionelle Motive wie Tätigkeiten bei der Vorbereitung auf Weihnachten, Weihnachtsmärkte, Christkind oder Weihnachtsmann beim Ausliefern der Geschenke, eine Wichtel- oder Weihnachtswerkstatt, die Tierweihnacht im Wald oder eine klassische Krippendarstellung waren und bleiben dabei immer aktuell.

Eine Entwicklung, die 1937 durch die Papierknappheit und des Verbots zur Herstellung grafischer Kalender gestoppt wurde. Auch innerhalb Deutschlands blieb während des Zweiten Weltkriegs einzig nur der Kalender „Vorweihnachten“ erlaubt, der 1941 erstmals erschien und zur „nationalsozialistischen Gestaltung der Vorweihnachtszeit“ gedacht war. Gestaltung und Inhalt sind hier gar nicht mehr „süß“ und kindlich, sondern im typischen Stil der Zeit und mit textlich starkem Kriegsbezug. Über die Kriegsjahre verändern sich die Ausgaben auch merklich: 1942 kocht die Mutter noch für das Weihnachtsfest, 1943 backt sie im gleichen Beitrag stattdessen für die Feldpostpäckchen und ab 1943 sind die vorgestellten Backrezepte ohne Fett und Ei oder es werden „Reste“ von Lebensmittelkarten zur Verwendung empfohlen.

Das Bedürfnis nach einer heilen Weihnachtwelt war nach dem zweiten Weltkrieg überall wieder besonders groß. Und so entstanden schon 1945 erneut Adventskalender in allen Besatzungszonen. Vor allem die in Deutschland stationierten US-Soldaten trugen zur Verbreitung der Adventskalender in den USA bei. Besonders stolz ist der Verlag Richard Sellmer darauf, dass es sein  Weihnachtskalender „Die kleine Stadt“ schon 1953 bis ins Weiße Haus zur Familie des US-Präsidenten Eisenhower geschafft hatte. Spätestens ab jetzt konnte die Kassen füllende Erfindung aus Deutschland als internationaler Exportschlager gelten.

 

Ein über die Grenzen von West- und Ostdeutschland gehandelter Weihnachtsartikel

West- und ostdeutsche Verlage gaben sich in der Folgezeit nichts bei der ideenreichen Gestaltung des beliebten Vorweihnachtsartikels. Mit einem Unterschied: Im ehemaligen Osten Deutschlands wurden christliche Darstellungen wie z.B. Engel oder die Hl. Familie an der Krippe nach Möglichkeit vermieden. Dafür kann man eine starke Hinwendung zu Märchenmotiven oder moderner Technik (z.B. Raumfahrt) erkennen. Ein Schelm der entsprechende Einflüsse angesichts der Tatsache vermutet, dass bei einem Nachdruck der „Märchentafel“ des Korsch Verlags, der sowohl in Ost- und Westdeutschland Lizenzen hatte,  die Flügel der zwei großen Engel die in der ersten (westdeutschen) Auflage noch vorhandenen waren fehlen.

Es gibt noch so viele spannende Fragen und Geschichten rund um die Welt der zauberhaften Begleiter unserer Kindheit von damals bis heute. Viele Antworten und reiches Bildmaterial gibt es in dem Buch „Adventskalender – Geschichte und Geschichten“ von Tina Peschel (2009), das sehr gut recherchiert ist und ich sehr empfehlen kann.

Adventskalender - Geschichte und Geschichten aus 100 Jahren, Tina Peschel, 2009
Adventskalender – Geschichte und Geschichten aus 100 Jahren, Tina Peschel, 2009

Einige origniale Adventskalender aus alter Zeit werden auch nahe des Rothenburger Marktplatzes in Herrngasse 1 in der Dauerausstellung des ganzjährig geöffneten „Deutschen Weihnachtsmuseums“ ausgestellt (www.weihnachtsmuseum.de)  – aktuell allerdings nur ein sehr kleiner Teil der ca. 500 Stück umfassenden Sammlung. Eingebettet in Tausende anderer historischer Weihnachtsdekorationen verleiten diese ausgesuchten  Exemplare aber allemal zum Entdecken, Staunen und Träumen.

Deutsches Weihnachtsmuseum und Weihnachtsdorf von Käthe Wohlfahrt im Dezember 2012
Deutsches Weihnachtsmuseum und Weihnachtsdorf von Käthe Wohlfahrt im Dezember 2012

Und hier ist das Prachtexemplar, an das ich mich bei meinem Spaziergang so sehr erinnert habe. Fast möchte man meinen, der Grafiker hat bei seiner Arbeit daran von Rothenburg geträumt.

Weihnachtsstadt, Richard Sellmer Verlag
Weihnachtsstadt, Richard Sellmer Verlag

Und abschließend sind hier noch zwei Adventskalender, bei denen man sich auch beim täglichen Öffnen eines der Fensterchen ins winterliche Rothenburg träumen kann. Dennoch: Träumen ist schön, das echte weihnachtlich verzauberte Rothenburg selbst erleben ist unschlagbar. Eine echte Empfehlung für einen kleinen romantischen Städtetrip!

Felicitas Höptner

Mein Name ist Felicitas Höptner, ich bin die Leiterin des „Deutschen Weihnachtsmuseums“ in Rothenburg ob der Tauber. An der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg habe ich Volkskunde, Kunstgeschichte und Denkmalpflege studiert. Im Rahmen von Ausbildung und Beruf hinterließ ich meine Spuren in Museen und Kultureinrichtungen in Bamberg, Schwabach, Oldenburg, Cloppenburg und Hagen. Neben der Museumsleitung zeichne ich verantwortlich für die Leitung der Abteilungen „Werbung, Presse, Öffentlichkeitsarbeit“ sowie „Tourismus“ beim Unternehmen „Käthe Wohlfahrt GmbH&Co.OHG“ in Rothenburg. In meiner Freizeit verreise ich im In- und Ausland, koche gerne mit Freunden, besuche Musik-, Kunst- und Kulturveranstaltungen und lese viel. Mein Interesse für Kunst und Kultur begleitet mich im Alltag. Dabei fasziniert mich vor allem auch die Feinheit und Besonderheit im Kleinen und Alltäglichen: die verblasste Szene neben dem Hauptthema im Bild, das kleine Detail an der Skulptur, die Originalität von Festivitäten, Brauchtum und Sprache, die Geschichte hinter der Titelgeschichte.

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Eine Antwort auf „Adventskalender – Geschichte(n) im Deutschen Weihnachtsmuseum in Rothenburg ob der Tauber“

  1. Sehr geehrte Damen und Herren,
    den Artikel habe ich mit Interesse gelesen. Nach Stöbern in alten Sachen, habe ich den AdventskalenderChristkindleins Haus, Dora Baum, gefunden. Er muß schon sehr alt sein. In meiner Kindheit in den 1950iger Jahren hing er mit Schokolade über meinen Bett.
    Der Kalender war schon vor dieser Zeit genutzt worden. Der Kalender ist noch ganz gut erhalten. Wer hat an so einen Kalender Interesse ? Würde Ihn abgeben. Vieleicht können Sie mir mit einer Info helfen ?
    mit freundlichen Grüßen
    Thomas Sporbert
    1950-55) .n , 1920

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