Rothenburg ob der Tauber – das Fränkische Jerusalem

Mit dem Fahrrad ins Fränkische Jerusalem

Vorgestern nutzte ich das sonnige Wetter zu einer kleinen Radtour rund um die Altstadt von Rothenburg ob der Tauber. Der Weg ist nicht weit: Auf knapp sieben Kilometern Wegstrecke kann man die Stadt umrunden. Die Bäume sind noch nicht grün und erlauben den Blick auf sonst unter Blättern verborgene Wege und kleine, geheimnisvolle Häuschen, die irgendwo im Wald stehen. Im Taubertal ging mein Blick nach oben auf die Zinnen und Türmchen der Stadt. Rothenburg ob der Tauber hatte man früher „Fränkisches Jerusalem“ genannt und nicht zu Unrecht liegt es an der Romantischen Straße. Aber, fiel mir ein, auch meine Heimatstadt Fürth hat den Ruf, ein „Fränkisches Jerusalem“ zu sein. Wieder zu Hause angekommen, will ich der Sache mit den zwei fränkischen Jerusalemen einmal auf den Grund gehen.

Rothenburg im Februar
Rothenburg im Februar

 

Ist Fürth oder Rothenburg ob der Tauber das Fränkische Jerusalem?

Im Jahr 1987 drehte Friedrich Zeilinger für das Bayerische Fernsehen einen Film über die jüdische Vergangenheit der Stadt Fürth. Diesen Film nannte er „Ein Fränkisches Jerusalem“. Heute ist das ein Ehrenname, im 19. Jahrhundert war es jedoch ein abfälliger Schimpfname für die jüdischen Einwohner Fürths. Der österreichische Schriftsteller und Journalist Moritz Gottlieb Saphir hatte Fürth bei einem Besuch Mitte des 19. Jahrhunderts abfällig als „Bayerisches Jerusalem“ bezeichnet. In alten Zeiten, als es die Nürnberger U-Bahn noch nicht gab, fuhren die Nürnberger, wenn es sein musste, mit der Ludwigseisenbahn nach Fürth. Da sollen manche beim Schaffner mit „einmal nach Jerusalem“ ihre Fahrkarte verlangt haben. Wer die innige Freundschaft zwischen Nürnberg und Fürth kennt, weiß, dass dies nur freundlich gemeint war.

Jerusalem in allen Himmelsrichtungen

Bei vielen Städten ist der Vergleich mit Jerusalem ein Ehrenname. Vilnius, die Hauptstadt Litauens, nannte man auch „Jerusalem des Ostens“. Warum? Die Stadt hieß so bis vor dem Zweiten Weltkrieg und war eines der wichtigsten jüdischen Zentren für die jiddische Literatur, jedenfalls bis die Deutschen während des Dritten Reiches fast alle der dort wohnenden 250.000 Juden umbrachten. Doch auch die Stadt Kiew beansprucht das „Jerusalem des Ostens“ zu sein. Wegen der vielen Türmchen, Kirchen und Klöster, die an das christliche Jerusalem mit seinen vielen Konfessionen und Kirchen erinnern. Selbst die nordkoreanische Stadt Pjönjang hieß 1945 „Jerusalem des Ostens“, weil hier sehr viele Christen gelebt haben sollen.

Und natürlich gibt es auch ein „Jerusalem des Nordens“: Mit diesem Ehrentitel schmücken sich wahlweise Hamburg – warum ist nicht zu erfahren – oder das norwegische Trondheim, das Ziel des Olavsweges, der seit dem Jahr 2010 neben dem Jakobsweg zum Europäischen Pilgerweg gekürt worden ist, hierzulande aber völlig unbekannt ist. Auch das belgische Antwerpen heißt „Jerusalem des Nordens“, weil dort 20.000 orthodoxe Juden leben.

Da darf natürlich auch ein „Jerusalem des Westens“ nicht fehlen. Dies waren im Mittelalter die drei Städte Speyer, Worms und Mainz, wahlweise auch „Jerusalem am Rhein“ genannt. In diesen Städten entstand das aschkenasische Judentum, das östliche Judentum. Die sefardischen, so nennt man die spanischen Juden hingegen betrachteten Toledo als ihr „Jerusalem des Westens“, jedenfalls so lange, bis die Juden 1492 von katholischen Fanatikern aus dem Land getrieben wurden.

Komisch, ein „Jerusalem des Südens“ habe ich bei meiner Recherche nicht gefunden, wahrscheinlich ist es die Heilige Stadt Jerusalem selbst. Aber es gab früher einmal das „Jerusalem des Balkans“, die griechische Stadt Salonika/Thessaloniki nämlich. „Jerusalem des Jagsttales“ nennt man Schöntal wegen des Zisterzienserklosters dort, aber eigentlich liegt Jerusalem natürlich in Franken.

Jerusalem liegt in Franken

Bayern hat auch ein Jerusalem, nämlich Mitterfels in Niederbayern, weil es hoch oben auf einem Feldplateau thront. Und nicht nur eines: Die Burg Harburg nennt man „himmlisches Jerusalem Bayerns“, weil sie so weit oben über der Wörnitz liegt. Gewiss gibt es auch noch andere Städte und Burgen, die Jerusalem symbolisieren. Dann ist der Weg dorthin schon mal nicht so weit. Sondern man macht einen Kurzurlaub in Franken und war in Jerusalem.

Carl Spitzweg in Jerusalem

Warum aber ist Rothenburg ob der Tauber ein „Fränkisches Jerusalem“? Als der romantische Maler Carl Spitzweg auf seinen Reisen vor 150 Jahren auch einige Zeit in Rothenburg ob der Tauber verbrachte, malte er in einem Brief an seine Familie ein Bild der Stadt Rothenburg als ein von schwäbischen Gartenzwergen bevölkertes Jerusalem:

„Die Umgebung zunächst um die Stadt soll der um die Stadt Jerusalem in hohem Grade ähnlich sein, und es fehlt also auch nicht an Vergleichen in Detail und wer sucht, der findet hier auch den Teich Gethsemane, den herzförmigen Blutacker, das Tal Josaphat u.s.f. in dem anmutigen Taubergrund – der sich aber hauptsächlich durch seine Weinberge und sein frisches Grün von Jerusalems Umgebung unterscheidet, sowie durch die großen Dreispitzhüte der Bauern, die darin umherwandern und durch den schwäbisch-fränkischen Dialekt, den sie sprechen, die Bauern nämlich. Im Innern der Stadt sieht’s freilich nicht jerusalemitisch aus, sondern es ist ein mit Ringmauern umgebenes gothisch schwäbisches Nestlein, voll Juwelen alter Architektur, die, wenn man (sie) anderswo versetzen könnte, mit Millionen bezahlt würde; die Stiftskirche groß wie die Sebaldkirche in Nürnberg, ein herrl. Rathaus aus der Renaissancezeit, und Giebel und Thürmchen und Erker und Thürme ohne Ende in allen Formen hin durch die Stadt – eine ehemalige Reichsstadt …“

Carl Spitzweg: Im Dachstübchen

Jerusalem-Rothenburg

Diese einzigartige, noch immer vorhandene Stadtsilhouette soll Rothenburg ob der Tauber schon im Mittelalter den Ehrennamen „Fränkisches Jerusalem“ eingebracht haben. Vielleicht wegen des berühmten Rabbi Meir ben Baruch von Rothenburg. Doch die Stadt gilt ja noch heute als eine der sehenswerten historischen Städte Deutschlands. Der Dichter und Pfarrer Caspar Brusch nannte wohl zum ersten Mal im Jahr 1557 Rothenburg ein „Fränkisches Jerusalem“, hier einige Zeilen aus seinem verschnörkelten Loblied:

 

Von der edlen und uralten Stadt Rotenburg uff der Tauber

 „So jemand ist, der wissen will,

Gelegenheit, Gestalt und Ziel

Und Form und Maß der edlen Stadt,

Darin Christus gelitten hat, …

Der schaue mit Fleiß Rotenburg an,

Eine Stadt in Franken lobesam.

Wo sich durch ein sehr edel Thal

Die Tauber abwärts wind ein Sal

Der alten Franken ist das Best

Dereinst an diesem Ort gewest.

(…)

Und, wenn man die mit Fleiß besicht’

Hat man geseh’n, wie man bericht’,

Jerusalems Gelegenheit

Von Berg und Thalen weit und breit,

Auf denen Christus gangen ist,

Da er mit Fleiß vor langer Frist

Sein’s himmlischen Vaters werthes Wort

Auf Erden bracht und lehret dort.

(…)

Wiewohl nun dies der Stadt ein Ehr.

Und rühmlich ist, ist’s doch ein Ehr,

Die nichts Besond’res in sich hat;

(…)

Diese Ehr dich mehr erhoben hat,

O Rotenburg, du edle Stadt:

Dass du Gottes Wort und Christi Lehr

Hältst in Würd’ und hoher Ehr,

Und Jesum Christ, den Heiland dein,

Bei dir hast lassen ziehen ein.

Schau nur, bleib ihm mit Herz und Sinn

Eine recht getreue Dienerin,

Und fahr’ also emsiglich fort,

Gott zu erkennen aus sei’m Wort;

Das fördere du und gib ihm Platz

Und halt das für ein theuern Schatz.

(…)

So wirst auch du auf dieser Erden

Eine selige Stadt genennet werden!

 

Das wünsch‘ ich dir zu aller Stund,

Ich, Bruschius, mit Herz und Mund.“

 

Mal sehen – kennt jemand der Blog-Leser und -leserinnen noch ein Jerusalem? 

Kreuzweg in Rothenburg 

 

 

 

Oliver Gußmann

In Rothenburg bin ich Touristen- und Pilgerpfarrer an St. Jakob. Das ist die große, an Kunstschätzen reiche evangelische Kirche mit den Doppeltürmen mitten in Rothenburg! Meine Aufgabe ist es, die Kirchen Rothenburgs Gästen und Touristen aus der ganzen Welt bekannt zu machen. Die zahlreichen Gotteshäuser des gotischen Rothenburgs erzählen mit Bildern und Symbolen vom Glauben, der Liebe und der Hoffnung unserer Vorfahren; sie berichten vom Sterben und Auferstehen, von Hingabe und Erlösung. Bei meiner Arbeit hilft mir ein Kirchenführer-Team. Außerdem traue ich Hochzeitspaare, mache Nachtkirchenführungen und vieles mehr. Gerne führe ich durch das jüdische Rothenburg oder biete für Kinder und Jugendliche kirchenpädagogische Führungen an. Für die Jakobuswege, von denen sich einige in Rothenburg kreuzen, bin ich der Ansprechpartner. Mir liegt eine gesunde Umwelt am Herzen. Darum fahre ich ein "Velomobil" - eine Mischung zwischen Seifenkiste und Rennauto. Wenn Sie so etwas in Rothenburg stehen sehen, bin ich sicher nicht weit entfernt! Mehr über meine Arbeit: www.rothenburgtauber-evangelisch.de/tourismus

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Eine Antwort auf „Rothenburg ob der Tauber – das Fränkische Jerusalem“

  1. Lieber Oliver,
    Dein Bericht und farbige Beschreibung Rothenburg’s hat mich wirklich erfreut. Besonders, weil Du so klar über Genozide sprichst. Und auch, weil Du Pfarrer Busch zitierst ( Prima Gedicht, so am Ziel , erinnert mich an Psalm 33:12, Blessed is the Nation whose God is the Lord). Und natürlich gefällt mir dieser Artikel weil Du Spitzweg erwähnst . Ich suchte nach ihm an Google und so hab ich Deinen Blog gefunden. Unser Herr hat mich, vor drei Jahren, nach Vietnam geschickt, um den Menschen zu sagen , wie sehr Er sie alle lieb hat. Und heute Morgen hatte ich den Gedanken, wieder zu malen, vielleicht ein bisschen wie Spitzweg, Stadt und ländliche – Menschen Situationen in Vietnam. Es gibt ja hier so viele Motive. Ich studierte Kunstgeschichte in meiner Heimatstadt München , Malen und Bildhauerei in Kalifornien, seit 66 in den US. Und dann hat unser Herr mich als 73 Jahre alter Witwer hier her geschickt. Niemand würde so was tun, nur Er. Also dann, Gott segne Dich, jeden Tag, und füll Dein Herz mit Seiner unendlichen Liebe, für Dich und die Menschen, die Er zu Dir schickt.

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